Feedback Case Manager

... von einem bbPLUS Case Manager mit seinem Klienten

Einkommens-Sicherung
Kudi ist der anerkannt beste Muratore-Lehrling weit und breit. Dies wenigstens dann, wenn er sich am Morgen rechtzeitig am Treffpunkt mit seinen Arbeitskollegen einfindet. Von dort aus geht’s mit dem Firmenbus zur Baustelle. Verpasst Kudi den Bus, wird er bald einmal nicht mehr der beste Muratore sein, sondern gar kein Muratore mehr. Und die Gefahr, dass dieser Fall eintreten könnte, baumelt einem Damoklesschwert gleich über Kudis Haupt oder - besser gesagt - über seinem Nacken. 

Der junge Mann bekundet nämlich etwelche Mühe damit, sich morgens um 05:15h aus dem wohlig warmen Federkleid zu schälen. Ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt beliebt sein treuer Freund und Lebensbegleiter, der Innere Schweinehund, alle seine zehn Finger nach ihm auszustrecken. Damit könnte der Fortgang der Lehre ernsthaft in Frage gestellt sein. Ein Muratore, der nicht am Backsteine tischen ist, ist nämlich als Muratore zu nichts nütze, auch wenn er an sich der Beste wäre.
Kudi will aber der beste Muratore sein und bleiben, dies nicht im Konjunktiv, sondern im Präsens. Der Junge muss sich also etwas einfallen lassen, was zu tun ist, um  seinen Inneren Schweinehund nicht als Stolperstein auf dem Weg zum Ziel gewähren zu lassen. Für Kudi ist die Zeit reif dazu, Fuchur - seine Vertrauensperson - zu Rate zu ziehen.

Die beiden handeln miteinander einen Deal aus: Fuchur hält bei Kudi frühmorgens Nachschau, ob dieser rechtzeitig wach und aufgestanden ist. Ist dies nicht der Fall, schickt sich Fuchur an, seinem Schützling das Bett zu kehren. Kudi erlebt - zwischen Matratze und Zimmerwand eingeklemmt - ein Tsunami artiges Wachrütteln. Dort hinten unsanft runtergerutscht, rappelt sich der Junge zur oberen Matratzenkante hoch, um alsbald einem verwirrten Kasper gleich darüber hinweg zu lugen.
Einer kurzen Orientierungsphase folgt nicht etwa eine Missfallenskundgebung seitens von Kudi an die Adresse von Fuchur, sondern ein artig vorgetragenes “Dankeschön“. Das ist zentraler Bestandteil der Hilfeleistungsvereinbarung zwischen Kudi und Fuchur. Schliesslich ist es Fuchurs frühmorgendliche Bereitschaft zum Liebesdienst, die Kudi seine Lehrstelle sichert, sprich – den Status des besten Muratores und damit sein späteres Einkommen.
                        
Im Lauf der Zeit mausert sich das beschriebene Szenario zum festen Bestandteil von Kudis Morgenritual. Bald einmal sieht es ganz danach aus, als wäre der junge Mann längst in der Lage dazu, seinen Inneren Schweinehund ohne den Support von Fuchur im Griff zu halten. Das frühmorgendliche Tête-à-Tête mit Fuchur scheint ihm aber echt Spass zu bereiten. Was sonst könnte denn den angehenden besten Muratore der Welt dazu veranlassen, jeden Morgen den Schlafenden zu mimen, dies in hoffnungsfroher Erwartung des einzigen, heutzutage auf diesem Planeten noch aktiven Weckdrachens, versteht sich? Ein frühmorgendlicher Absturz zwischen Zimmerwand und Matratze scheint Kudi als jenes unverzichtbare Lebenselixier dienlich zu sein, das er braucht, um der beste Muratore zu werden, zu sein und zu bleiben …    


... von einem bbPLUS Case Manager mit seiner Klientin

Vom Ausbruch zum Durchbruch                                                               
Sie war sechzehn Jahren alt und mit allen Wassern gewaschen, damals als wir uns zum ersten Mal begegnet sind. Mit acht Jahren wurde die Kleine ihren Eltern weggenommen. Die waren beide drogensüchtige Alkoholiker, nicht im Stande dazu, mit ihrer Tochter zu deren Wohlergehen zu Recht zu kommen.

Bis zum Tag unseres ersten Zusammentreffens hatte Rotznase siebenundzwanzig (kein Tipfehler!) Fremdplatzierungsstationen verheizt. Wen wundert‘s da, dass die Schulabgängerin mit sechzehn Jahren demotiviert in den Niederungen des Primarschulstoffs vor sich hin dümpelte?
An ihren intellektuellen Ressourcen und an ihrer Charakterstärke gemessen, dürfte es definitiv nicht gelegen haben, dass dem damals so war. Ohne eine ganze Reihe von dem Girl eigenen Qualitäten hätte es Rotznase nämlich kaum geschafft, gleich aus zwei geschlossenen Jugendheimen auszubrechen. Dies nicht etwa alleine! Sie hatte jeweils gleich die vollzählige Klientengruppe mit entführt und damit ihren Schildbürgerstreichen das finale Sahnehäubchen des Triumpfs aufgesetzt. 
Rotznase war echt stolz darauf, es immer aufs Neue wieder geschafft zu haben, ihre Betreuungspersonen bis hin zu deren Resignation und Aufgabe mürbe zu machen. Der Misserfolg war ihr Erfolgserlebnis.

Einem Pfau gleich hat sich Rotznase bei unserer ersten Begegnung begrüssungshalber vor mir aufgeplustert, um mich klar und deutlich wissen zu lassen, dass es auch mir nicht gelingen würde, sie in den Griff zu bekommen. Dem Ende dieser Prophezeiung  schob sie noch mit lapidar gelangweiltem Unterton und Gesichtsausdruck  nach, dass es lediglich eine Frage der Zeit sein würde, bis sie mich als ihr achtundzwanzigstes Opfer in den Schaukasten ihrer Trophäensammlung stellen würde.
Ich habe ihr wortlos entgegnet: “Okay Baby, mit so etwas wie mir hast Du scheinbar nicht gerechnet. Das sprengt wohl den Rahmen Deines Vorstellungvermögens“?! Gleichzeitig war ich voll dazu entschlossen, in der künftigen Auseinandersetzung mit Rotznase nur über meine Leiche hinweg aufzugeben.

In der Tat war es dann eine Frage der Zeit … ganze anderthalb Jahre nämlich hat es gedauert … bis zur bedingungslosen Kapitulation von Rotznase mir gegenüber … Sollte heissen: Bis es gelungen war, zwischen uns beiden jenen stabilen Grundstein des Vertrauens zu legen, den es braucht, um darauf ein Erdbeben sicheres Gebäude der Persönlichkeitsbildung aufbauen zu können. Hundert Mal hat Rotznase dabei für mich Fallen ausgelegt. Sie wollte sicher gehen, dass man mir vertrauen kann. Und hundert Mal bin ich da nicht reingetreten, zunächst zu ihrer grossen Enttäuschung, später zu ihrer grossen Erleichterung.
Der vormals vergandete Acker ihrer Persönlichkeit war jetzt zur Aussaat bereit. Rotznase wollte nun von der Ausbruchkönigin zur Sozialpädagogin mutieren! Als erstem Schritt auf dem Weg zum Ziel galt es, sich einen ordentlichen Schulabschluss zu erarbeiten. Nach zwei Jahren war es soweit: Rotznase hatte einen Lehrvertrag in der Tasche. Sie war ab sofort nicht mehr Rotznase, sondern Lernende Kauffrau EFZ (also eine sogenannte LKF-EFZ).
                                                                                                                                   
Drei Jahre später war sie nicht mehr LKF-EFZ, sondern Sunny-Girl. Wie ein solches hat sie wenigstens gestrahlt, als sie im Rampenlicht der Diplomfeierlichkeiten ihr Lehrabschlusszeugnis überreicht erhielt.

Mittlerweile agiert Sunny-Girl zum einen als stellvertretende Finanzchefin einer Handelsfirma. Zum andern trägt sie als Lehrlingsbetreuerin zur Formung von tauglichen Berufsleuten bei. Und zum dritten geht Sunny-Girl mit ihrem taffen Lebenspartner (den sie sich vor Jahren an einer St. Galler Bushaltestelle geangelt hatte), durch dick und dünn, teilt mit diesem am oberen Zürichsee eine schicke Wohnung und fährt einen mega geilen Sportwagen (selbstverständlich aus eigenen Mitteln finanziert).

Übrigens: Sozialpädagogin will sie nicht mehr werden. Sunny-Girl hat sich mittlerweile voll von mir emanzipiert. Sie ist in der Lage dazu, ihren Weg des Wohlbefindens selbständig zu suchen, zu finden und zu gehen, mit durchwegs nachhaltigem Erfolg, versteht sich.